„Übrigens ist es auch viell leichter eine Sache geschwind, als langsam zu spielen.“ (W. A. Mozart)

Nachruf auf Walter Nater (1938 – 2012)

walter-nater2Ein Leben für die atmende Musik

Zwei Herzen schlugen in seiner Brust, das des Drogisten und nach Ladenschluss das des Musikers und Tempoforschers.

Heute reden wir alle von Entschleunigung. Walter Nater hat schon seit vielen Jahren über musikalische Interpretationen nachgedacht, die atmen und dem Hörer Raum schenken, Musik in ihrer ganzen Kraft zu spüren, auch ihre heilende Wirkung, Musik, die nicht mit falsch verstandener Virtuosität den Hörer überreizt und verunsichert.

Das richtige Tempo

Wenn man mit Walter Nater kritisch im Gespräch über seine Theorien des «tempo giusto» war, konnte man einen Menschen erleben, der mit Überzeugung für seine Sache eintrat. Und der überzeugende Argumente für eine Entschleunigung der Musik hatte, die er auch in seinem Buch «Viel zu geschwinde» im Zürcher Pan-Verlag zu Papier gebracht hat.
International war er mit der Tempoforschung gut vernetzt, hat bis zuletzt geforscht und seine Theorien von der barocken und frühklassischen Musik auch auf die Romantik ausgeweitet. Der Berliner «Tagesspiegel» hat ihm 2009 eine ganze Seite gewidmet, als «Der Unerhörte» wurde er damals betitelt. In der eigenen Heimat hat man den Müllheimer Drogisten manchmal ein wenig belächelt. Sehr oft zu Unrecht.

walter-naterSeine schöne CD mit einer Messe von Johann Friedrich Fasch konnte zeigen, dass ruhiger aufgefasste Tempi gut tun. Fast ein wenig tragisch mag man es finden, dass Walter Nater, der sich für sein Musikverständnis 1997 den Chor und das Ensemble «Respiro» gegründet hatte, auf dem Höhepunkt aufgeben musste. Mit einer eindrücklichen Oboenmesse von Michael Haydn hatte er 2006 in Kreuz1ingen gezeigt, dass seine langsamen Tempi durchaus funktionieren. Danach löste sich der Chor auf. Daran trug Walter Nater schwer. Dass es schwerer sei, langsam zu spielen, haben ihm seine Musiker oft gesagt. Gewusst hat das schon Mozart, der sich wie selbst der Virtuose Franz Liszt immer wieder abschätzig über allzu grosse Raserei äusserte. Walter Naters Gedanken zur entschleunigten Musik waren nicht marginal, sondern fundiert. Gerade in unserer Zeit, in der wir oft für das wirklich Wichtige keine Zeit mehr haben, sind die Ideen zu einer menschlichen Musik, zu Musik «im Puls ihrer Zeit», wie es Walter Nater formuliert hat, immer wichtiger. «Geist braucht Zeit», hat der freundliche und umtriebige Drogist, der in Müllheim von 1964 bis Ende 2007 im Laden stand, gesagt.

Ein emsiger Anwalt

Musik wieder in Beziehung zum natürlichen Rhythmus von Atem und Herz bringen wollte Walter Nater, der - zweifacher Vater - 47 Jahre mit seiner Frau Ursula verheiratet war. Überraschend hat nach einer schweren Herzoperation sein Musikerherz am 17. Januar zu schlagen aufgehört.

Wir verlieren einen emsigen Anwalt für Musik, die gut tun soll.

Martin Preisser

 
Aktuell
Das Tempo in der „Schöpfung" von Joseph Haydn

Walter Nater, Müllheim (Schweiz)

Dank Internet ist es möglich, eine Handschriftskopie der „Schöpfung" von Joseph Haydn herunter zu laden. Das Original liegt in der Nationalbibliothek in Rio und stammt aus dem Jahre 1800.

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