Das Tempo in der „Schöpfung" von Joseph Haydn

Walter Nater, Müllheim (Schweiz)

Dank Internet ist es möglich, eine Handschriftskopie der „Schöpfung" von Joseph Haydn herunter zu laden. Das Original liegt in der Nationalbibliothek in Rio und stammt aus dem Jahre 1800.

Auffallend sind einige abweichende Details zur gedruckten Erstausgabe, die ebenfalls aus dem Jahre 1800 stammt. So ist das ganze Werk nur in zwei Teile aufgeteilt, gegenüber drei Teilen in der gedruckten Ausgabe. Im weiteren fällt auf, dass alle Taktschlüssel gleich aussehen, d.h. es gibt keine sog. Alla-breve-Takt (mit gestrichenem C). Das Überraschendste sind aber die Zeitangaben. So steht nach jedem Teil die jeweilige Länge, am Schluss dann noch die Gesamtlänge. Da jeder Teil für sich angegeben ist, verstehen sich diese Angaben ohne Pause:

  • 1. Teil (Nr. 1 – 19) 70 Minuten
  • 2. Teil (Nr. 20 – 34) 65 Minuten
  • Gesamtlänge ohne Pausen 135 Minuten (= 2 ¼ Std.)

Georg Feder erwähnt in seinem Buch „Joseph Haydn Die Schöpfung" eine durchschnittliche CD-Aufführungsdauer von 107 Minuten, die kürzeste liegt bei 91 Minuten. In der Regel dauert eine Aufführung im Konzertsaal heute 120 Minuten - inkl. Pause. Aus einer Notiz auf einer Cellostimme dauerte damals die Aufführung inkl. Pause 2 ½ Std. („Finis 2 ½ Stunden"). Das würde sich decken mit der oben angegebenen Zeit plus 15 Minuten Pause.

Fazit: Zur alten Spielweise mit altem Instrumentarium und tiefer Stimmung gehört auch das „alte" Tempo mit allen dazugehörenden Spielanweisungen!

Und die Metronomzahlen?

Es existieren Metronomangaben aus einem Klavierauszug aus dem Jahre 1839 von Sigismund Neukomm, einem Schüler von Joseph Haydn. Legt man nun diese Metronomzahlen einer Berechnung zu Grunde, so kommt man auf eine Zeit von sage und schreibe 98 Minuten! Und dies in einer Zeit, wo sich die Berichterstatter der musikalischen Blätter allgemein über zu schnelle Tempi beklagen. So liest man vielfach von „Verhunzung", „gar zu schnell genommen", „zu rasch und zu oberflächlich", „die Grenzen des Eiligen streifend", „zu rasches Tempo" und vieles mehr! So schreibt ein Korrespondent der AMZ Leipzig 1867 kurz und bündig „Über zu schnelle Tempi sage ich in meinen Berichten nichts mehr ; ich betrachte dies als selbstverständlich bei den Virtuosen"! Allerdings gab es auch Tadel wegen verschleppter Tempi – dieser liegt aber im Verhältnis von ungefähr 1 : 10 zu den gegenteiligen Klagen.

Was ist nun aber richtig(er): die Metronomangaben, wie wir sie heute lesen – oder die Zeitangaben?

 
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Das Tempo in der „Schöpfung" von Joseph Haydn

Walter Nater, Müllheim (Schweiz)

Dank Internet ist es möglich, eine Handschriftskopie der „Schöpfung" von Joseph Haydn herunter zu laden. Das Original liegt in der Nationalbibliothek in Rio und stammt aus dem Jahre 1800.

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