Hintergrund
Die Hektik unseres heutigen Zeitempfindens widerspiegelt sich auch immer in der Musik, wobei vergessen wird, dass Musik "zeitlos zeitgebunden" ist. Wohl sagt man, dass die Kunst ein Spiegel ihrer Zeit sei. Doch dies bezieht sich nur auf die bildende Kunst – und in der Musik zählt in diesem Sinn nur die Komposition dazu. Es käme doch heute niemandem mehr in den Sinn, alte Kunstwerke an unsere Zeit anpassen zu wollen – im Gegenteil. Es wurde noch in keiner andern Zeit so viel restauriert (= in den Originalzustand zurückversetzt) wie heute.
Noch in keiner Zeit wie in den letzten Jahrzehnten hat man sich so für die alte Bauweise der Instrumente interessiert und damit auch versucht, Entwicklungen zurück zu verfolgen, was zu anderen Klangergebnissen führte. Dabei sei aber auch die Frage erlaubt, warum dies nicht auch für das Tempo gilt.
„Am Ende wird die ganze Musik in der Vorstellung des Berufsmusikers zu einem Geschäft geworden sein. Das ist der Grund, warum leider allzu oft selbst die geistreichsten Spieler ihre ganze Kraft auf rein technische Anstrengungen konzentrieren, um so die schwierigsten Stücke noch besser als andere spielen zu können; denn das bringt ja Geld ein.“ Aus: John Knittel: Amadeus
In früheren Lehrbüchern wird überliefert, dass „in der Musik zwo lange Noten von einerley Grösse und Accent ganz unmöglich sind“ (J. A. Scheibe 1739). Zwei gleiche aufeinander folgende Noten sind im inneren Wert immer ungleich lang, d.h. entweder ist die erste „lang“ bez. betont und die zweite „kurz“ bez. unbetont (= Trochäus) – oder umgekehrt (= Jambus). Dieses Wissen um den Takt mit den sog. Quantitas intrinseca ist im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren gegangen. Weil heute der Takt nur noch mathematisch genau gespielt wird, d.h. jeder gleiche Ton genau gleich lang, resultierte daraus das viel gerühmte „perlende“ (und rasende) Spiel, welches z.B. für Mozart historisch nicht begründet ist. Weiter...