Tempo giusto
„Übrigens ist es auch viell leichter eine Sache geschwind, als langsam zu spielen.“ (W. A. Mozart)“
Tempo Giusto heisst "rechtes, passendes, dem Inhalt des Musikstückes angemessenes Tempo" und ist eine gängige Vortragsbezeichnung besonders des 18. Jahrhunderts.
Musikwissenschaftliche Forschungen haben die Erkenntnis gebracht, die überlieferten Metronomzahlen seien zumeist metrisch gemeint: Das Metronompendel muss bei Einstellung auf die angegebene Zahl in dem notierten Wert hin- und zurück schlagen. Es sind dann zwei "Ticks" zu hören, wo nach dem mathematisch-wörtlichen Verständnis nur ein "Tick" richtig wäre. Es wird also beim Tempo Giusto die Vollschwingung des Pendels (1 Hin- und Zurückbewegung) der Tempobestimmung zugrunde gelegt. Das Ergebnis ist die Hälfte der heute seit fast anderthalb Jahrhunderten für richtig gehaltenen Geschwindigkeit.
So erklärt die Tempo-Giusto-Praxis endlich, warum falsch interpretierte Metronomzahlen viele Werke der Klassik und Frühromantik entweder als völlig unspielbar erscheinen lassen oder statt das ästhetische und menschliche Empfinden den sportiven instrumentalen und oder sängerischen Exzess als musikalisches Summum Bonum vorzustellen scheinen.
Kein Pianist ist in der Lage, auch nur eine einzige Etüde aus Carl Czernys Schule des Virtuosen, der Schule der Geläufigkeit oder eine Etüde von Frederic Chopin nach den wörtlich genommenen Metronomzahlen textgetreu auszuführen (warum gibt es dann eigentlich Urtext-Ausgaben?).
Kein Orchester ist von der übermenschlichen Fähigkeit, eine Beethoven-Symphonie sauber nach den wörtlich genommenen Metronomzahlen aufzuführen. Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren und auf J.S. Bachs Zeit und davor ausdehnen.
Wie für das Tempo, haben die entdeckten Fakten bereits umstürzlerische Wirkung auf die Ausführung und Wahrnehmung von Artikulation, Rhythmus, Dynamik etc. Dabei stehen wir noch am Anfang!
In Erkenntnis der ungeheuren musikgeschichtlichen Wirkung machen immer mehr Interpreten, Solisten wie Dirigenten, und Pädagogen Gebrauch vom historisch richtigen Tempo in Konzert, Unterricht und Tonträgeraufnahmen - mit dem erstaunlichen Resultat, dass auch sogenannte "normale" Zuhörer mit geringer Vorbildung Zugang zu den musikalischen Werken aus dem Bereich der Hochkultur finden.
Text mit freundlicher Genehmigung von © Wolfgang Weller